Warum sollte man Angst vor dem Tod haben?
Denn solange wir sind, ist der Tod nicht da,
und sobald er da ist, sind wir nicht mehr.
(So gesehen hat es eigentlich keinen Menschen
je gequält, tot zu sein)
(Epikur)
Niemand von uns weiß, was der Tod ist;
vielleicht ist er ja das höchste Gut auf Erden?
(Platon)
Angst vor dem Tod?
Da werde ich - vielleicht - eines Tages 80 oder 90 Jahre alt sein,
und habe mein ganzes Leben nichts weiter getan,
als Angst davor zu haben, frühzeitig zu sterben.
(Kristiane Allert-Wybranietz)
Ich habe so vielen Menschen etwas gegeben;
eine andere Unsterblichkeit braucht man wohl nicht.
(Hans-Georg Gadamer kurz vor seinem "Tod")
Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen,
entziehen wir es dem Leben;
um seinen Tod zu verhindern,
lassen wir es nicht richtig leben.
(Janusz Korczak)
Es fallen so viele für das Regime,
es müssen auch einmal einige dagegen fallen.
(Sophie Scholl)
Dying does not take a smart person by surprise.
(Jean de la Fontaine)
Truth sits on the lips of dying people.
(Matthew Arnold)
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise,
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Hermann Hesse)
Niemand, der über Leichen geht, kann den Weg Jesu gehen
Gewalt soll das Ende aller Gewalt erzwingen. Blut nur noch deshalb fließen, damit nie mehr Blut vergossen werde. Aber wer bürgt für die Gewissheit? Schöne Fahnen sind sie, leuchtend im Wind, die Ideen, aber entsetzlich, sobald stürmenden Regimentern vorangetragen. Keine Idee ist eine ganze Wahrheit, aber jeder einzelne Mensch ist eine ganze Wahrheit. Dies, nur dies, scheint mir ins Bewusstsein der verwirrten Menschheit einzuhämmern wichtig, diese eine Umwertung im Gefühl der Menschheit zu befördern: die Entwertung der Ideen, die Höherwertung des einzelnen Menschen.
(Stefan Zweig)
Erst wenn wir die Bereitschaft zu jedem Krieg, gleich zu welchem Ziel und aus welchen Gründen, endgültig aufgeben, werden wir das Irrenhaus der menschlichen Geschichte verlassen. Kriege sind, was sie sind: das vorsätzliche Töten von Menschen auf Befehl und das Verdrängen aller Schuldgefühle für das Ende der Menschlichkeit. Doch noch leben wir nicht in George Orwells 1984. Noch ist Krieg keine Friedensmaßnahme. Noch ist das Töten von Menschen nicht das Retten von Menschen. Noch ist die Lüge nicht Voraussetzung der Wahrheit.
Es war am 26. Mai 1999, als in Athen Patriarch Bartholomaios I., das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Kirche, erklärte: „Der Krieg ist nicht das Werk vernünftig denkender, verantwortlich handelnder Menschen, sondern das Werk von geistig Gestörten.“
Doch diese „Geistesstörung“ rechtfertigt sich immer noch als „Pflicht“, „Verantwortung“, „Mut“, „Treue“ und „Gehorsam“.
(Eugen Drewermann)
Wir Menschen geben einander keine Chance
Wenn wir das Ding zünden, müssen wir die japanischen Generäle dazu einladen, damit sie
sehen, was ihnen bevorsteht.
(Albert Einstein, 1942 beim Bau der Atombombe)
... Man hat es nicht getan
Unter diesen Umständen ist es überaus wichtig, jetzt und für alle Zeit eine alte Wahrheit wieder zu lernen: Mit Gewalt dient man nicht der Gerechtigkeit, mit Krieg dient man nicht dem Frieden, und mit dem Töten von Menschen dient man nicht dem Leben. Nicht der Pazifismus Gandhischer Prägung ist tot, tödlich ist der Stahlhelmpazifismus deutscher Politiker im Dienste der NATO.
Der Weg in den Krieg ist psychologisch immer derselbe: In einer komplizierten geschichtlichen Situation vereinfacht man die Wirklichkeit in dem simplen Schema von Gut und Böse, dann ordnet man die Schuld einseitig einer Seite zu, und dann personifiziert man das Böse in einer einzigen Person. Die muss man dann bekämpfen wie Sankt Michael den Teufel.
(Eugen Drewermann)
Bei Völkermord drückt man gerne beide Augen zu, und zwar den Opfern.
(Alexander Eilers)
Die folgenden Geschichten sind aus Anthony de Mellos Bücher
"Eine Minute Unsinn", "Eine Minute Weisheit", "Warum der Schäfer jedes Wetter liebt", "Wer bringt das Pferd zum Fliegen?" und "Zeiten des Glücks"
Leichter gemacht
Ein Schüler mußte rasch wieder heim, als ihn die Nachricht erreichte, daß sein Haus abgebrannt war.
Er war ein alter Mann, und alle bedauerten ihn.
Alles, was der Meister ihm sagte, war: "Es wird das Sterben leichter machen."
Bei den meisten
Manche Leute behaupten, es gäbe kein Leben nach dem Tod", sagte ein Schüler.
"Tun sie das?" fragte der Meister unverbindlich.
"Wäre es nicht furchtbar zu sterben, ohne jemals wieder zu sehen, zu hören, zu lieben oder sich zu bewegen?"
"Findest du das furchtbar?" erwiderte der Meister. "Das ist doch bei den meisten Menschen so, noch bevor sie gestorben sind."
Wie ein Kind
Eine Schülerin entschloß sich, dem Meister persönlichere und direktere Fragen zu stellen.
"Glaubst du eigentlich an ein Leben nach dem Tod?" wollte sie von ihm wissen.
"Merkwürdig, daß du dich an dieses Thema so anklammerst" sagte der Meister.
"Warum soll das merkwürdig sein?"
"Hier hast du diesen strahlenden Maientag vor dir", erwiderte der Meister und zeigte aus dem Fenster. --- "Wie ein Kind, das sich heute zu essen weigert, weil es weiß, was morgen kommt. Du hast Hunger. Iß dein tägliches Brot!"
Vater, ich bin zurück
Ein Soldat wurde eilends von der Front zurückgerufen, weil sein Vater im Sterben lag. Er erhielt eine Sondergenehmigung, denn außer ihm hatte der Vater keine Familienangehörigen mehr.
Als er die Intensivstation betrat, erkannte er sofort, daß dieser halb bewußtlose Mann mit Schläuchen in Mund und Nase nicht sein Vater war. Irgend jemand hatte sich geirrt und den falschen Soldaten von der Front geholt.
"Wie lange wird er noch leben?" fragte er den Arzt.
"Nur noch ein paar Stunden. Sie haben es gerade noch geschafft."
Der Soldat dachte an den Sohn des sterbenden Mannes, der, Gott weiß wo, Tausende von Meilen entfernt an der Front war. Er dachte an den alten Mann, der nur in der Hoffnung am Leben geblieben war, daß er seinen Sohn noch einmal sehen würde, ehe er starb. Das bestimmte seinen Entschluß. Er beugte sich vor, ergriff die Hand des alten Mannes und sagte leise:
"Vater, ich bin da. Ich bin zurück."
Der Sterbende umklammerte die hingestreckte Hand; seine leeren Augen öffneten sich und blickten umher; ein zufriedenes Lächeln ging über sein Gesicht und blieb dort, bis er etwa eine Stunde später starb.
"Ich war überzeugt, du würdest kommen"
"Mein Freund ist nicht vom Schlachtfeld zurückgekommen, Sir. Erbitte Erlaubnis, ihn zu suchen und hereinzuholen."
"Abgelehnt", sagte der Offizier, "ich möchte nicht, daß Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen für einen Mann, der wahrscheinlich tot ist."
Der Soldat machte sich trotzdem auf die Suche und kam eine Stunde später tödlich verwundet zurück, in den Armen seinen toten Freund.
Der Offizier tobte. "Ich habe Ihnen gesagt, er sei tot. Nun habe ich Sie beide verloren. Was hat es nun gebracht, hinauszugehen, um eine Leiche zurückzubringen?"
Der sterbende Mann antwortete: "Es hat sich gelohnt, Sir. Als ich ihn fand, lebte er noch. Und er sagte zu mir: ´Ich wußte, Jack, daß du kommen würdest.´"
Neu austeilen
Der Meister spielte gerne Karten und verbrachte einmal mit einigen seiner Schüler während eines Luftangriffs die ganze Nacht beim Pokern. Als sie eine Pause einlegten, um etwas zu trinken, kamen sie auf den Tod zu sprechen.
"Wenn ich mitten in diesem Spiel tot umfallen würde, was würdet ihr dann tun?" fragte der Meister.
"Was möchtest du, daß wir tun sollten?"
"Zwei Dinge. Zuerst die Leiche fortschaffen."
"Und dann?"
"Die Karten neu austeilen", sagte der Meister.
Noch etwas ist notwendig, um lebendig zu sein: jetzt zu sein. Was heißt das? Es heißt in erster Linie, etwas zu verstehen, was die wenigsten verstehen, nämlich: dass die Vergangenheit nicht die Wirklichkeit ist, ebensowenig wie die Zukunft, und dass in der Vergangenheit und in der Zukunft zu leben bedeutet, tot zu sein. Mir ist durchaus klar, dass es in der Vergangenheit viele wunderbare Dinge gibt, aus denen wir auch etwas lernen können, und dass die Vergangenheit uns beeinflusst und formt. Gut! Aber sie ist nicht die Wirklichkeit.
Prioritäten
Nach einer Legende schickte Gott einen Engel mit folgender Botschaft zu dem Meister: "Bitte um eine Million Lebensjahre, und sie werden dir gegeben werden, ja auch abermillionen Jahre. Wie lange möchtest du leben?"
"Achtzig Jahre", erwiderte der Meister, ohne das geringste Zögern.
Die Schüler waren bestürzt. "Aber Meister, wenn Ihr eine Million Jahre leben könntet, bedenkt wieviel Generationen von Eurer Weisheit profitieren könnten."
"Wenn ich eine Million Jahre lebte, wären die Menschen mehr darauf bedacht, ihr Leben zu verlängern als Weisheit zu entwickeln."
Papierleben und Papiertod
„Wann werde ich erleuchtet?“
„Wenn du siehst“, sagte der Meister.
„Was sehen?“
„Bäume und Blumen, Mond und Sterne.“
„Aber die sehe ich jeden Tag.“
„Nein, was du siehst, sind Papierbäume, Papierblumen, Papiermonde und Papiersterne. Denn du lebst nicht in der Wirklichkeit, sondern in deinen Worten und Gedanken.“
Und um ganz genau zu sein, fügte er noch hinzu: „Du lebst leider ein Papierleben und wirst einen Papiertod sterben.“
Gegenwart
Als die Schüler baten, ihnen ein Modell von Spiritualität zu geben, das sie nachahmen könnten, sagte der Meister nur: "Still, lauscht!"
Und als sie auf die Laute der Nacht draußen lauschten, begann der Meister leise den berühmten Haiku zu sprechen:
"Von einem frühen Tod,
zeigt die Zikade sich unbeeindruckt.
Sie singt."
Wirklichkeit
Obgleich der Meister das Leben zu genießen und voll auszuschöpfen schien, wußte man doch, daß er auch großes Risiko nicht scheute. So, wenn er die Tyrannei der Regierung verurteilte und damit Verhaftung und Tod herausforderte. Oder wenn er mit einer Gruppe seiner Schüler in einem pestverseuchten Dorf Hilfe leistete.
"Die Weisen kennen keine Todesangst", pflegte er zu sagen.
"Warum sollte ein Mensch sein Leben so leichtfertig aufs Spiel setzen?" wurde er einmal gefragt.
"Warum berührt es einen Menschen so wenig, wenn eine Kerze nach Tagesanbruch verlöscht?"
Erkennen
Als der Meister alt und krank wurde, baten ihn die Schüler, nicht zu sterben. Sagte der Meister: "Wenn ich nicht ginge, wie würdet ihr je sehen lernen?"
"Was sehen wir denn nicht, wenn Ihr bei uns seid?" fragten sie.
Aber der Meister wollte es nicht sagen.
Als der Augenblick seines Todes nahe war, sagten sie: "Was werden wir sehen, wenn Ihr gegangen seid?"
Mit einem Lächeln in den Augen sagte der Meister: "Ich tat nichts weiter als am Ufer des Flusses zu sitzen und Wasser austeilen. Wenn ich gegangen bin, hoffe ich, daß ihr den Fluß sehen werdet."
Sokrates war im Gefängnis und wartete auf die Vollstreckung seines Urteils. Eines Tages hörte er, wie ein Mitgefangener ein schwieriges lyrisches Lied des Dichters Stesichoros sang.
Sokrates bat den Mann, ihn dieses Gedicht zu lehren.
"Warum?" fragte der Sänger.
"Daß ich in dem Bewußtsein sterben kann, noch etwas dazu gelernt zu haben", lautete die Antwort des großen Mannes.
Schüler: "Warum sollte man eine Woche vor dem Tod noch etwas Neues lernen?"
Meister: "Aus dem gleichen Grund, aus dem du fünfzig Jahre vor deinem Tod etwas Neues lernen würdest."
Der Held
„Mein Freund“, sagte der Meister zum Freiheitskämpfer in seiner Gefängniszelle, „du wirst deiner Hinrichtung morgen tapfer entgegengehen. Nur eines hält dich zurück, den Tod mit Freude zu begehen.“
„Was ist das?“
„Der Wunsch, daß deine Heldentaten in Erinnerung bleiben. Das Verlangen, daß künftige Generationen deinem heroischen Kampf Anerkennung zollen.“
„Ist daran etwas falsch?“ fragte der zum Tode Verurteilte.
„Ist es dir schon einmal in den Sinn gekommen, daß nicht du es bist, mit dem die Nachwelt deine Taten verbindet, sondern dein Name?“
„Ist nicht beides dasselbe?“
„O nein, mein Freund! Dein Name ist der Klang, auf den du reagierst. Dein Aushängeschild, dein Kennzeichen. Wer bist du?“
Das war alles, was der Mann brauchte, um im Dunkel dieser Nacht zu „sterben“ - noch bevor das Vollstreckungskommando beim Morgendämmern vor seiner Tür stand.